Teilprojekt 01

Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 54, f. 10r – Codex Schürstab

Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 54, f. 10r – Codex Schürstab

Ich bin niht niuwe –?  Neuerung als paradoxer Effekt ihrer Infragestellung im Liebesdiskurs des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Prof. Dr. Susanne Köbele (Deutsches Seminar, Universität Zürich)

Das Teilprojekt zielt auf eine epochenprägnante Poetik und Pragmatik liebeslyrischer Novation im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Anhand paradigmatischer Textreihen aus dem 13. bis 16. Jahrhundert wird eine genuin lyrische (bzw. lyrisch initiierte) Poetik des niuwen entworfen, in deren Zentrum die Frage steht, wie sich ‚alte‘ Formansprüche, Gattungs- und  Diskurstraditionen zu‚neuen‘, intertextuell dichten Rekombinationen verschränken. Durch möglichst enge Zusammenführung von überlieferungsbezogener, poetologischer, textpragmatischer und texttheoretischer Argumentation soll das für die mittelalterliche Epik bereits reich traktierte Forschungsfeld der ‚Retextualisierung‘ auf die Lyrik und deren spezifische mediale, poetologische und performative Bedingungen übertragen und modifiziert werden.

In der ersten Förderphase erwies sich die Schlüsselthese als zutreffend, dass zur Erfassung der ambivalenten Alt-Neu-Dynamiken lyrischer Transformationsprozesse vor allem Texte systematisch wie historisch signifikant sind, in denen implizite (allusive, metaphorische, ironische, medial-performative) und explizite (argumentative, selbstreflexive) Formen der Diskursivierung von ‚Altem‘ und ‚Neuem‘ nicht symmetrisch bzw. synchron anzutreffen sind, sondern in temporaler wie axiologischer Hinsicht gegenläufig.

Bestätigt hat sich in der ersten Förderperiode darüber hinaus die Hypothese, dass das Spannungsfeld heterogener und heterochroner Novationsansprüche im Fall des semantisch und epistemisch hochgradig integrativen Minnethemas besonders komplex ist, weswegen die auf Objekt- und Metaebene umstrittenen Alt-Neu-Implikationen sich hier auf allen Ebenen vervielfältigen und mischen: über Diskursinterferenzen (weltlich-geistlich, antik-höfisch-christlich), Gattungsinterferenzen (zentral: Minnesang, Minnerede), mediale Interferenzen (mündlich-schriftlich, handschriftlich-gedruckt, Text-Bild) und kultursprachliche Interferenzen (volkssprachlich-lateinisch).

Das schwer überschaubare Material wird mithilfe zweier synchroner Schnitte komplementär bearbeitbar: Der eine Untersuchungsbereich gilt im Ausgang von Walther von der Vogelweide minnesangspezifischen oder von Minnesang initiierten zwiespältigen Überbietungsdiskursen des Spätmittelalters (‚Überkunstwerke‘: Hyperbolik, Metakunst, Diskurstransgression), der andere Bereich sind Autorcorpora des 14. und 15. Jahrhunderts (hier v.a. Übergangsfiguren wie Hugo von Montfort oder Michel Beheim) sowie volkssprachig-lateinische Sammelhandschriften (Novation und Mehrsprachigkeit im Minnediskurs des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit). Gegenüber den im Arbeitsplan des Einrichtungsantrags entworfenen Untersuchungszielen hat sich das TP-Thema damit in zweifacher Hinsicht modifiziert: 1. über die entschiedenere epochale Erweiterung ins 16. Jahrhundert, 2. über systematische Nuancierungen, die Aufgabenbereiche von TP-Leiterin und Mitarbeiterin möglichst eng verklammern.


Teilprojektleitung

Prof. Dr. Susanne Köbele

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Tim Huber

Studentische Hilfskraft

Tatiana Carina Hirschi